Achimer Weserkurier vom xx.xx.xxxx

Original Artikel

Zum August 2013 wird in ganz Niedersachsen die „inklusive Schule" eingeführt. Ziel der Inklusion, die sich aus der

EU-Konvention für Behindertenrechte ergibt, ist die Teilhabe von Kindern mit Behinderungen am Unterricht der Regelschulen. Wir sprachen mit Pädagogen in Verden über die damit verbundenen Herausforderungen, Erwartungen und Befürchtungen. Im zweiten Teil unserer Serie geht es heute um die Grundschulen.

 

VON SUSANNE EHRLICH

 

Verden. Die Grundschulen sind von der ersten  Phase der Umsetzung unmittelbar betroffen: Vom Schuljahr 2013/2014 an gilt die Inklusion für alle Kinder mit Lernbehinderungen und Störungen im sozial-emotionalen Bereich. „Ich gehe davon aus, dass solch eine gesetzlich verordnete Inklusion auch ein Sparmodell ist", sagt Jahn-Schulleiterin Claudia Stüven. „Das ist im Grunde paradox, denn wenn man etwas besser machen will, dann muss man im Gegenteil mehr investieren!"

An Verdener Grundschulen gibt es bereits viel Erfahrung im Umgang mit Kindern, die anders sind. Doch die Arbeit in den Integrations-und Kooperationsklassen lässtsich kaum mit den zu erwartenden Anforderungenaninklusiven Unterricht vergleichen –die personelle Ausstattung ist im Vergleich mit den vorgesehenen Ressourcen für die Inklusion geradezu traumhaft. An der Jahnschule hat man schon begonnen, umzudenken, bevor von schulischer Inklusion überhaupt die Rede war. Seit 2010 arbeitet das Kollegium an einer grundlegenden Veränderung der Unterrichtsstruktur. Die Jahrgänge eins und zwei wurden zusammengelegt. Die neu eingeschulten Kinder treffen so auf „alte Hasen", die ihnen als Paten mit Rat und Tat zur Seite stehen. Mit offenen Unterrichtsformen wie dem „Lernbuffet" und den Lernwerkstätten können Kinder mit unterschiedlichen Lerntempi zu Ergebnissen kommen, die ihren Interessen und Möglichkeiten entsprechen.

„Wir haben also bereits Erfahrung mit Kindern, die gleichzeitig auf unterschiedlichen Niveaus arbeiten", erklärt Schulleiterin Claudia Stüven. Kinder können eine Klassenstufe schneller durchlaufen oder noch ein Jahr in Ruhe verweilen. Fließende Übergänge führen auch dazu, dass sich die Kinder nicht mehr im selben Maße wie früher vergleichen können und spürbar weniger Druck erleben. „Allerdings kommen dann im Jahrgang drei und vier Klassenarbeiten und Zensuren", räumt Stüven ein. Doch sie kann sich gut vorstellen, dass noch weitere Veränderungen möglich sind, die der Ausgrenzung und der Erfahrung schulischen Versagens entgegenwirken. „Es wird dauern, und wir müssen dran bleiben, aber ich bin voller Hoffnung." Die neuen Unterrichtsformen seien ja bereit sein wichtiger Schritt in Richtung Inklusion, indem sie bedürfnisgerecht unterstützen, Teilhabe konkret ermöglichen und auch mit einer Veränderung pädagogischer Haltungen und Einstellungen einher gehen.

Auch aufgrund der guten Erfahrungen bei der Kooperation mit der Liekedeelerundder Andreasschule sei das „Schreckgespenst Inklusion",das vielen Kollegien Kopfzerbrechen mache, bei ihnen rasch vertrieben worden. Es gebe zwar Befürchtungen, dass zu viele Kinder mit Förderbedarf und zu wenig Fachpersonal zur Unterstützung auf die Schule zukämen. Doch während der Fortbildungen habe man Ängste abbauen können. „Dabei ist die Zusammenarbeit mit den Fachpädagogen der Andreasschule für uns eine große Ermutigung und Unterstützung", sagt Stüven. Mit der benachbarten Förderschule besteht eine enge Zusammenarbeit; die Andreasschule hat je zwei Sprachheilklassen an die Jahn-und Lönswegschule ausgegliedert, und fachlicher Rat ist für die Kollegen der Jahnschule immer in greifbarer Nähe.

Seit mehreren Jahren besteht auch die Kooperation mit der Liekedeeler-Schule: Die acht Kinder der Pandabären-Klasse lernen unter einem Dach mit den Jahn-Grundschülern, und die Schwarzbären-Partnerklasse mit Klassenlehrerin Magdalena Becker teilt mit ihnen den Sport-, Sach-und Kunstunterricht, gemeinsame Projekte, Ausflüge und vieles mehr. Auch in der Lönswegschule gibt es neben zwei Integrationsklassen, in denen Kinder mit Behinderungen mit Unterstützung ihrer Schulassistenten beschult werden, zwei weitere Kooperationsklassen mit der Liekedeeler-Schule. Als vor Weihnachten Meike Eggelings Zirkusklasse 2agemeinsam mit der Klasse 1-2 Dder Likedeeler-Schule Lieder und Tänze geübt und Baumschmuck gebastelt hat, waren die Likedeeler-Lehrerinnen Silke Kröpcke und Tanja Smolinski, der „Bundesfreiwillige" Evrem Peli und die Schulassistentin des körperbehinderten Seyhmus, Tanja Behning, dabei. „Wir sind praktisch eins, unsere Kinder werden von jedem mit Aufmerksamkeit bedacht und in die Mitte genommen."

Für den „SchneeflockenTanz" hatte je-des der Likedeeler-Kinder einen Partner aus der Zirkusklasse; alles geht Hand in Hand. „Das ist für unsere Kinder eine Selbstverständlichkeit", erklärt Eggeling. „Am Anfang waren noch Berührungsängste da, aber mittlerweile ist ein wirklich gutes Miteinander entstanden." Wenn bei gemeinsamen Kunstprojekten das Ergebnis nicht so perfekt sei, wie manche der Grundschüler es sich vorstellen, gebe es schon mal kritische Gesichter. Aber auch das sei schließlich normal. „Wir haben ja auch jetzt schon Kinder mit Lern-und sozialemotionalen Problemen", sagt Eggeling. „Aber jetzt haben wir Förderschullehrer aus der Kooperation mit der Andreasschule und die LeikedeelerPädagogen an unserer Seite."

Die Kooperation mache es leichter, auf die Herausforderungen der Inklusion zuzugehen. Das gegenwärtige Modell der Kooperation sei für alle Beteiligten optimal. Für die Kinder mit geistigen Behinderungen könne sich jedoch auch langfristig niemand ständigen inklusiven Unterricht vorstellen. „Das wäre eine völlige Überforderung", so Eggeling. Bis auf Deutsch und Rechnen werde so viel wie möglich gemeinsam gemacht. Sie könne deshalb nur hoffen, dass die derzeitigen personellen Ressourcen der Lönswegschule erhalten bleiben. Denn an Schulen, die auf sich selbst gestellt seien, sehe die Sache ganz anders aus. Laut Planung liege die Teilungsgrenze einer inklusiven Klasse bei 26; Kinder mit festgestelltem Förderbedarf zählen doppelt. Pro Klasse und Woche sind zwei Förderstunden vorgesehen. „Das ist nicht großzügig kalkuliert.

Zusätzliche Informationen