Verdener Nachrichten vom 01.02.2013

Seit 50 Jahren versucht die Lebenshilfe, im Landkreis Verden Menschen mit Behinderung ein möglichst normales Leben zu ermöglichen. Grund genug das halbe Jahrhundert zu feiern. Und das geschieht im Oytener Schulzentrum. Gestern und heute bietet die Organisation ihren Mitarbeitern und Mitgliedern eine Reihe von Workshops an – als Dank für ihr Engagement.
VON JULIA SOOSTMEYER


Oyten·Landkreis Verden. Rund 230 Mitarbeiter und Vereinsmitglieder der Lebenshilfe des Landkreises Verden sowie einige Gäste treffen dieser Tage im Schulzentrum Oyten aufeinander. Gemeinsam gestalten sie
den Auftakt der 50-Jahr-Feier der sozialen Organisation. Eine Reihe Workshops liegt bereits hinter den Teilnehmern, weitere stehen am heutigen Freitag an. Insgesamt arbeiten aktuell rund 325 Menschen für die Organisation, etwa 225 Mitglieder zählt der Verein.

Der Eröffnungsvortrag am gestrigen Donnerstag wurde vom Diplom-Pä! dagogen Carlos Escalera gehalten. Mit Witz, Charme und Fachwissen begeisterte er seine Zuhörer. Escalera hat selbst eine Tochter mit
Down-Syndrom und weiß um die Probleme im Alltag. Einfühlsam beschrieb der Experte sein Empfinden bei der Geburt seines Kindes: „Wir haben wochenlang geweint und waren sehr traurig. Wir wollten ein Kind, aber das war nicht unsere Vorstellung.“

Inklusion ist für den Fachreferenten ein „tolles Wort“ aber „unerreichbar“. Der Mensch, so Carlos Escalera, sei stets auf der Suche nach Gleichgesinnten. Menschen, die seine Interessen teilen. Die Lebenshilfe habe
dennoch in Sachen Inklusion wichtige Ansätze geliefert. Allein durch Schlagworte, wie: Ein Mensch ohne Macke, ist kacke. Ein großes Problem sei, so der Experte, die Entwicklung in Richtung Single-Gesellschaft – Egozentrismus nehme zu.

Michael Grashorn, pädagogischer Gesamtleiter der Verdener Lebenshilfe, teilt diese Ansicht. „Kinder werden in ihre! n Famili en immer öfter allein gelassen“, erklärt er. Das mache sie zu Alleinkämpfern und führe dazu, dass es immer mehr auffällige Jugendliche gibt. Damit steige auch die Gewaltbereitschaft. Umso wichtiger findet er es, seine Kollegen und Vereinsmitglieder vor diesem Hintergrund zu motivieren, schwere Situationen durchzustehen. Deshalb die Studientage zur 50-Jahr-Feier. „Man muss auch mal einen ausgeben können“, sagt Grashorn. Die Kurse sind für die Teilnehmer kostenlos.

Zahlreiche Experten schulen die Zuhörer in den verschiedensten Bereichen – ob über aggressives Verhalten, Autismus, Konsequenzen von Erziehung, Burn-out oder die Förderung sozialer und emotionaler Kompetenzen, die Kursliste ist lang, die Bereiche sind verschiedenartig.

„Es gibt viele Fragen, auf die wir noch keine Antworten haben, es kommen immer neue dazu“, erzählt Michael Grashorn und verdeutlicht so die Wic! htigkeit des Workshop-Angebots. „Wir müssen die Ursachen für aktuelle Entwicklungen suchen“, beschreibt er eine der künftigen Aufgaben des Lebenshilfe-Vereins. Ein neues Thema zum Beispiel sei, dass immer mehr Kinder anderer Kulturkreise in die Gesellschaft eingegliedert
werden müssen, „das erfordert Umdenken“. Die Menschen müssen sensibler werden, ihre Vorurteile einschränken und den Tunnelblick ablegen. Darin sieht der pädagogische Gesamtleiter die Aufgaben für die kommenden Jahre. Für das Jubiläumsjahr hat sich die Organisation noch einige Veranstaltungen einfallen lassen. Der nächste feste Termin ist am 9. März ein Familientag mit Kindern und Eltern der Frühförderung.

Lebenshilfe spendiert Studientage

50-jähriges Bestehen der Organisation wird in Oyten gefeiert / Weitere Veranstaltungen über das Jahr verteilt

„Es gibt viele Fragen, auf die! wir noch keine Antworten haben.“
Michael Gras! horn, Le benshilfe Verden