Von Michael Mix (Übernahme aus dem Achimer Kreisblatt vom 09.03.2013)

„Wie, du bist nur Kindergärtnerin?“ Diesen Satz höre sie immer wieder in ihrem Freundes- und Bekanntenkreis, erzählt Jacqueline Buchholz. „Trotz Studiums zur Sozialarbeiterin/ Sozialpädagogin habe ich mich bewusst dafür entschieden, meine Berufung in einer Kindertagesstätte der Lebenshilfe zu suchen“, entgegnete die 27-jährige Erzieherin, die in der Kita Bierden tätig ist, dann meist. Bei der verbreiteten Geringschätzung dieses Berufs wundert es kaum, dass Einrichtungsleiterin Elisabeth Hennies einen Fachkräftemangel beklagt – und jetzt Alarm schlägt.

 „Der geplante Ausbau des Betreuungsangebots für Kinder unter drei Jahren wird in vielen Gebieten zu erheblichen Personallücken führen“, sagt sie im Gespräch mit dieser Zeitung voraus. Hennies verweist auf eine Modellrechnung des Deutschen Jugendinstituts, die sich auf eine Studie der Weiterbildungsinitiative Frühpädagogische Fachkräfte stützt. Danach werden infolge des von August dieses Jahres an geltenden Rechtsanspruchs auf einen Kita-Platz für Kinder bereits ab dem ersten Geburtstag bei einem angenommenen „U3-Ausbau“ von 42 Prozent bundesweit bis zum Jahr 2015 rund 123 000 zusätzliche Kräfte benötigt.

Insgesamt würden dann in Deutschland mehr als 24 000 Erzieherinnen und Erzieher fehlen. „Und Niedersachsen hinkt dabei mit am meisten hinterher, fast 6 000 offene Stellen werden hier für 2015 erwartet“, stellt die Leiterin der Kooperativen Kindertagesstätte Achim-Bierden der Lebenshilfe im Landkreis Verden mit Blick auf die Berechnung fest. Dieser Fehlbedarf könnte ihrer Einschätzung nach „zu einem ernsthaften Hindernis für den erforderlichen quantitativen und qualitativen Ausbau der Kinderbetreuung werden“. Hennies kennt auch die grundlegende Ursache der Misere. Die Elementarbildung in Deutschland sei im EU-Vergleich „immer noch chronisch unterfinanziert“. Viele Länder steckten einen doppelt so hohen Anteil ihres Bruttosozialprodukts in diesen Sektor.

Jacqueline Buchholz sei allerdings ein leuchtendes Beispiel dafür, dass es sich lohne, als Erzieherin zu arbeiten und damit „Bildungsund Entwicklungsprozesse von Kindern zu unterstützen“, betont Elisabeth Hennies. Trotz steigender Anforderungen, schlechter Bezahlung und immer noch geringer Anerkennung und Wertschätzung des Berufsbildes in der Öffentlichkeit habe sich die junge Langwedelerin „mit Herz und Kopf, emotionaler Kompetenz und Wissen“, sowie ihrer „besonderen Kreativität“ in die Aufgabe gestürzt.

Jacqueline Buchholz


Das Talent zeichnete sich bereits während ihres Studiums ab. Buchholz sei als Anerkennungspraktikantin in der Tagesstätte durch ihre „sehr professionelle“ Art positiv aufgefallen. „Die Übernahme in unser Team war für uns wie ein Lottogewinn“, lobt Leiterin Hennies die junge Mitarbeiterin in den höchsten Tönen.

Und die legt gerne dar, was sie an ihrem Beruf „trotz schlechter Rahmenbedingungen“ fasziniert. Wer den Begriff „Kindergärtnerin“ in den Mund nehme, glaube wohl, es gehe darum, Kinder zu bespielen, zu belustigen und zu pflegen; zu malen, zu basteln und stundenlang zu kneten. „Dabei ist die Arbeit mit Kindern sehr viel umfangreicher“, stellt Jacqueline Buchholz klar.

 Beim Mittagessen


Jeden Tag lerne sie von ihren Schützlingen etwas Neues und profitiere davon zu beobachten, wie sie die Welt sehen und begreifen, wie sie sich entwickeln und reifen. „Wir sind nicht nur Pädagogen, die jedes Kind da abholen, wie es sein individueller Entwicklungsstand erfordert. Wir sind auch Seelentröster und Ersthelfer, Streitschlichter und Vermittler, Künstler und Gestalter, Entertainer, Lehrer, Manager und Organisator.“ Darüber hinaus förderten sie und ihre Kolleginnen das Sozialverhalten der Mädchen und Jungen, leiteten sie zu Toleranz und Wertschätzung gegenüber anderen an und leisteten noch manches mehr.

Empathie hält die junge Frau ebenfalls für unverzichtbar in diesem Berufsfeld, sowohl gegenüber den Kindern als auch gegenüber den Eltern. Denn die Familien seien ja in verschiedenen Kulturen, Religionen und Traditionen zu Hause. „So gleicht kein Kind dem anderen.“

Jacqueline Buchholz und ihre Chefin sehen indes „zunehmend Auffälligkeiten im emotional-sozialen Bereich – von motorischen Störungen bis zu Sprachproblemen“. Da sei es „wichtig zu erkennen, auf welche Art der Förderung das Kind am besten anspringt“. Die studierte Fachkraft ist in der Kita Bierden also sehr willkommen. „Nur mit unterschiedlichen Qualifikationen“, weiß Elisabeth Hennies, „können wir den steigenden Anforderungen an frühkindliche Erziehung, Bildung und Betreuung infolge des gesellschaftlichen Wandels gerecht werden.“

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